Raum

Do., 21. 05., Bonifaziusturm A, 22. Stock

Bargeld in der digitalen Gesellschaft: Anachronismus oder gedruckte Freiheit?

Die Zukunft des Bargelds in der digitalen Gesellschaft war Gegenstand einer Podiumsdiskussion, welche die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz und der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz im Rahmen des Kunst- und Kulturprojekts #watch22 ausgerichtet haben.

Nachdem führende US-amerikanische Ökonomen, unter ihnen Kenneth Rogoff und Larry Summers, bereits seit längerem die Abschaffung des Bargeldes fordern, hat sich mit dem Wirtschaftsweisen Professor Peter Bofinger jüngst auch ein einflussreicher deutscher Wissenschaftler für eine bargeldlose Zukunft stark gemacht. Eine Gesellschaft ohne Bargeld, das wurde bei der Veranstaltung schnell deutlich, ist dabei mehr als eine Zukunftsvision einzelner Wissenschaftler. Bereits heute werden – auch in europäischen Staaten – die entscheidenden Weichen für die Abschaffung des Bargeldes gestellt.

Thematisch wurde der Abend mit einem Vortrag des früheren Chefredakteurs der WirtschaftsWoche und Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung, Roland Tichy, eingeleitet. Tichy sprach sich deutlich gegen die Abschaffung des Bargelds aus und lieferte damit die Thesen für die sich anschließende Podiumsdiskussion. Zusammen mit Tichy und unter der Leitung von Dr. Stefan Brink, Leiter Privater Datenschutz beim Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz, diskutierten Wirtschaftsministerin Eveline Lemke, der Head of Client Cluster Visa Europe, Hans Bernhard Beykirch und Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, die Vor- und Nachteile einer bargeldlosen Zukunft.

Tenor des Abends war: Das bargeldlose Zahlen ist Ausdruck unserer digitalen Gesellschaft. Aber auch in dieser gelten tradierte Werte. Edgar Wagner, der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz betonte: „Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen setzt Wahlmöglichkeiten und Alternativen voraus – auch im Wirtschafts- und Geschäftsleben. Neben der Möglichkeit, sicher elektronisch zu bezahlen, muss deshalb auch der Bargeldverkehr erhalten bleiben. Die Bürgerinnen und Bürger müssen die Möglichkeit behalten, Dritten Einblicke in ihr Konsumverhalten zu verwehren.“

Ganz in diesem Sinne äußerte sich auch der Vorstand der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Ulrike von der Lühe: „Heute haben Verbraucherinnen und Verbraucher noch weitgehend die Freiheit selbst zu entscheiden, wie sie bezahlen wollen und welche Lösung für sie die beste ist. Das Bargeld muss gesetzliches Zahlungsmittel bleiben, damit ein einfacher, günstiger und anonymer Geldtransfer für alle möglich bleibt.“

Ministerin Eveline Lemke hob hervor: „Die Zeit ist nicht reif für ein Leben komplett ohne Bargeld. Dabei geht es um zwei Aspekte. Zum einen muss der Datenschutz überall auf der Welt weiterentwickelt werden. Außerdem wollen die Menschen Konkretes für ihr Geld. Das zeigen auch die Anlagen in Immobilien oder Gold. Eine komplette Verschiebung auf virtuelles Geld funktioniert vorerst nicht.“

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Mi., 16. 05., Bonifaziusturm A, 22. Stock

Coding Camp des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit

Fast dreißig programmierbegeisterte und kreative Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren haben vom 13. bis zum 16. Mai am Rabanus-Maurus-Gymnasium in Mainz im Rahmen des vom Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz (LfDI) erstmals ausgerichteten Coding Camps eigene Smartphone-Apps entwickelt. Unterstützt wurden die Schülerinnen und Schüler dabei von Informatikstudenten der FH Bingen, der Hochschule Mainz und Mitgliedern des Chaos Computer Clubs Mainz/Wiesbaden, die als Mentoren fungierten und wo nötig mit technischem Know-how weiterhalfen.

Am Mittwochnachmittag trafen die 27 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Rabanus-Maurus-Gymnasium und die Mentoren, die die Jugendlichen während des Camps betreuen sollten, erstmals zusammen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Landesbeauftragten und die Organisatoren fanden die Jugendlichen, die aus neun verschiedenen Schulen in und um Mainz kamen, beim gemeinsamen Brainstorming schnell zueinander. Schnell verging auch der Nachmittag, an dem alle zusammen unter Anleitung der Mentoren erste Erfahrungen mit der Entwicklungsumgebung Android Studio machten.

Am Donnerstag teilten sich die Nachwuchsprogrammiererinnen und -programmierer in kleine Teams von zwei bis vier Personen auf, um „ihr“ App-Projekt gemeinsam zu realisieren. Hier gab es zwei ähnlich große Fraktionen: Ein Teil der Schülerinnen und Schüler nahm das Angebot der Mentoren der FH Bingen an, auf einer in Grundzügen vorentwickelten App aufzubauen, die auf offenen Geodaten von Open Street Map basierte. Diese konnten sie nach eigenen Vorstellungen weiterentwickeln und um verschiedenste Funktionen erweitern. Die Jugendlichen aus der anderen Gruppe entschieden sich dafür, die im Brainstroming entwickelten Ideen in die Tat umzusetzen.

Am Freitag herrschte emsige Geschäftigkeit im Coding Camp. Der Tag stand im Zeichen der Fertigstellung der Apps und der Vorbereitung der Präsentationen, mit denen die Projekte der Jury und dem Publikum vorgestellt und das Auditorium überzeugt werden sollte.

Obwohl an den Tagen des Camps schulfrei war, wurde konzentriert gearbeitet. Die Internetverbindung stieß bei so viel Andrang bisweilen an die Grenzen und auch manche Hardwareprobleme verlangten den Mentoren und den Jugendlichen immer wieder Geduld und Improvisationstalent ab. Ein Mitarbeiter des Landesbeauftragten brachte die technischen Herausforderungen mit einem Augenzwinkern auf die treffende Formel: „Chaos ist Teil des Konzepts“. Die Atmosphäre während des Camps bestand aus einer Mischung aus arbeitsamer Betriebsamkeit, Spaß an der Teamarbeit und auch ein wenig freundschaftlicher Rivalität, denn schließlich wollte jedes Team den Preis für die beste App am letzten Tag gewinnen.

Am Samstag brach schließlich der Tag der Entscheidung an. Hoch über den Dächern von Mainz – im 22. Stock der Bonifaziusturms – wurde ab neun Uhr morgens aufgebaut, getestet und ein letzter Soundcheck gemacht, bevor um 10:30 Uhr vor vollbesetzten Stuhlreihen die Präsentation von insgesamt elf Projekten begann. In der ersten Reihe saß die Jury, die aus Katja Friedrich, der Geschäftsführerin von Medien+Bildung.com, Marieluise Noll-Ziegler, der Leiterin des Rabanus-Maurus-Gymnasiums, Prof. Dr. Cornelius Wille, dem Leiter des Studiengangs Mobile Computing an der FH Bingen und dem Landesbeauftragten Edgar Wagner bestand. Deren Aufgabe war nicht leicht, denn es wurden viele gute Ideen präsentiert; manche Apps waren noch im „Rohbau“, andere Projekte waren in der kurzen Zeit beeindruckend weit gediehen.

Das Spektrum der dargebotenen Smartphone-Applikationenreichte von einer Morse-App, über Navigationsapps hin zur Stundenplan-App, einem Vokabeltrainer, einer App, bei der zwei Spieler ihre geografischen Kenntnisse trainieren können, bis hin zu einer ambitionierten Chat-App, die dem Empfänger seine Nachrichten sogar vorlesen konnte.

Um beiden Gruppen und der Verschiedenheit ihrer Ideen gerecht zu werden, hatte die Jury schon im Vorfeld entschieden, zwei erste Preise zu vergeben: Einen in der Kategorie „Open Data-App“ und einen in der Kategorie „Freestyle-App“. Doch während der Beratungen kamen die Jurymitglieder überein, dass auch zwei erste Preise den tollen Ideen und Leistungen der Schülerinnen und Schüler nicht gerecht würden, und lobten kurzerhand noch in jeder Kategorie einen Sonderpreis aus.

Edgar Wagner warb bei Staatssekretär Beckmann aus dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, der den Gewinnerinnen und Gewinnern die Preise überreichte um Unterstützung für eine Weiterführung des Projekts. Mehrere Schulen warben darum, Gastgeber des nächsten Coding Camps zu sein und auch die Jugendlichen waren sich einig: „Beim nächsten Mal sind wir wieder dabei“.

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Mi., 13. 05., Bonifaziusturm A, 22. Stock

2222. Datenschutz-Schülerworkshop

Über die gesellschaftlichen Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung unseres Alltags diskutierten heute Schülerinnen und Schüler des Frauenlobgymnasiums Mainz gemeinsam mit Bildungsministerin Vera Reiß, Verbraucherschutzminister Prof. Dr. Gerhard Robbers sowie dem Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (LfDI) Edgar Wagner im Rahmen eines Schülerworkshops. Der Workshop fand im Rahmen der Ausstellung des Projekts #watch22 im 22. Stock des Bonifaziusturms in Mainz statt und war der 2222. Workshop seit Beginn des Projekts.

„Die digitale Grundbildung ist eine Funktionsbedingung für eine lebendige Demokratie“, so LfDI Edgar Wagner. „Datenschutz muss in Zeiten von Google, Facebook und NSA ein Bestandteil der Medienkompetenzvermittlung sein.“

Dies sieht auch Verbraucherschutzminister Robbers so: „Normen und Werte verändern sich wegen der fortschreitenden Digitalisierung unseres Alltags. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir unsere Privatsphäre schützen wollen. Für dieses Bewusstsein legen die Schulen einen maßgeblichen Grundstein.“

Bildungsministerin Reiß griff dies auf und betonte: „Die Datenschutz-Workshops sind eine sehr wertvolle Ergänzung der vielen pädagogischen Maßnahmen im Landesprogramm ,Medienkompetenz macht Schule‘. Die Workshops verstärken das Bewusstsein für die Risiken in der digitalen Kommunikation, die neben deren Chancen im Medienkompetenzunterricht bereits thematisiert werden. Seit dem Start des Landesprogramms im Jahr 2007 haben wir schon viel erreicht, aber wir wollen noch mehr: Unser Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler mit dem so genannten ,Medienkompass‘ einen Nachweis über ihre erworbenen Medienkompetenzen haben, wenn sie die Schule verlassen. Wir wollen, dass digitale Bildung tägliche Unterrichtspraxis an allen Schulen im Land wird, und wir wollen, dass neben den Schülerinnen und Schülern auch möglichst viele Lehrkräfte und Eltern in diesem Bereich fit gemacht werden.“

Der LfDI bietet den Schulen in Rheinland-Pfalz seit Ende 2010 kostenlose Schülerworkshops zu Datenschutzthemen an, die Schülerinnen und Schüler in ihrem Medienalltag unmittelbar betreffen. Die Jugendlichen werden hierin motiviert, sich mit Datenschutz-Themen im Medienalltag zu beschäftigen und damit einhergehende gesellschaftspolitische und ethische Fragen kritisch zu diskutieren.

Das Konzept der Workshops wurde in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur sowie dem Ministerium der Justiz und für Verbraucherschutz entwickelt. Für das didaktische Konzept standen dem LfDI zwei Medienpädagogen von medien+bildung.com zur Seite. Derzeit führen 30 externe Referentinnen und Referenten, die vom LfDI geschult und mit speziellen Unterrichtsmaterialien ausgestattet werden, durch die Workshops.

„Wir wollen die Verankerung des Datenschutzes in der Medienbildung aber noch stärker forcieren“, unterstrich der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Edgar Wagner. Um hier einen Beitrag zu leisten, entwickle sein Haus derzeit E-Learning-Szenarien, die in Kürze auf der Jugendseite www.youngdata.de angeboten werden.

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Mo., 11. 05., Bonifaziusturm A, 22. Stock

Macht der Algorithmen – Macht ohne Kontrolle?

Die wachsende Bedeutung automatisierter Entscheidungsprozesse und deren wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen standen am 11. Mai 2015 im Mittelpunkt einer gemeinsamen Veranstaltung des Landesdatenschutzbeauftragten und des Ministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz.

Bei der Informationssuche im Internet, beim Online-Kauf, bei Bonitätsbewertungen oder beim Hochfrequenzhandel an Börsen beeinflussen Entscheidungsprozesse, die auf Algorithmen gestützt sind, Angebot, Bewertung und Auswahl. Hinter vielen Situationen der digitalen Lebenswelt stehen intelligente und autonom entscheidende Systeme, ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer dies immer erkennen können. Die fehlende Transparenz lässt eine Überprüfung solcher Entscheidungen oftmals nicht zu. Das betonte auch Verbraucherschutzminister Prof. Dr. Gerhard Robbers in seiner Begrüßung:

„Wir müssen mehr Transparenz ins Internet bringen. Durch massenhaftes Sammeln und Verarbeiten von Daten werden Verbraucherinnen und Verbraucher unfreiwillig mit persönlich gefilterten Informationen und Werbung versorgt. Preise werden individuell ausgerichtet. Welche Konsequenzen hieraus resultieren, rückt erst allmählich ins Bewusstsein“, so Robbers. „Algorithmen sind ursprünglich nichts anderes als Berechnungsverfahren. Inzwischen bestehen sie meist aus vielen aufeinanderfolgenden Berechnungsschritten. Damit sind Algorithmen heute hochkomplexe mathematische Formeln, denen mit dem Wissen aus Schulzeiten nicht beizukommen ist. Nur wenn wir uns damit auseinandersetzen, können wir Chancen und Risiken neuer Technologien erkennen.“

In einführenden Vorträgen stellten Yvonne Hofstetter, Technologie-Unternehmerin und Buchautorin und Prof. Dr. Dieter Dörr, Medienrechtler und Direktor des Mainzer Medieninstituts, dar, welche Bedeutung Algorithmen und intelligente Systeme heute bereits haben. Die Dynamik der Veränderungsprozesse zeige die Notwendigkeit, die Vertrauenswürdigkeit von Algorithmen zu kontrollieren. Am Beispiel der Google-Suchmaschine wurde der drohende Verlust der Meinungsvielfalt deutlich und die Notwendigkeit, diese für einen demokratischen Rechtsstaat unverzichtbare Voraussetzung durch entsprechende Regelungen zu schützen.

In einer engagierten Podiumsdiskussion betrachteten die Teilnehmer die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung. Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Edgar Wagner, plädierte für eine neue Aufsichtsbehörde, der die Kontrolle dieser Prozesse übertragen werden müsse. Außerdem sei eine gesellschaftliche Debatte über das Risikopotential  erforderlich, das dieser Entwicklung innewohne. Deshalb müssten sich auch die Schulen intensiver mit Algorithmen, der neuen Weltsprache, beschäftigen, gegebenenfalls auch im Mathematikunterricht. Und noch ein Weiteres, so Wagner, sei vonnöten: „Wir brauchen eine Ethik für Algorithmen, um die Menschenwürde in der digitalen Gesellschaft zu bewahren.“

Link: „Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“
http://www.randomhouse.de/Buch/Sie-wissen-alles/Yvonne-Hofstetter/e458581.rhd

Link: Studie „Die Googleisierung der Informationssuche“

http://www.degruyter.com/view/product/212484